Wiegenlieder aus aller Welt -eine Liederbuchbesprechung

Wiegenlieder gibt es überall

… und sie waren wahrscheinlich auch schon immer Teil der menschlichen Kultur. Das finde ich ungeheuer spannend. Wie ich bereits in “Babys brauchen Musik” beschrieben habe, hat sich das Singen vor dem Sprechen entwickelt. Wir verbinden uns also, wenn wir Wiegenlieder singen, nicht nur mit den Müttern aller Kulturen dieser Welt sondern auch mit unseren Urururahninnen. Man könnte also behaupten unsere Kinder erwarten förmlich aufgrund ihres evolutionären Erbes, dass wir ihnen vorsingen.

Die meisten Wiegenlieder handeln von Träumen und Wünschen. Babys scheinen von je her besondere Zuwendung und Hilfe beim Einschlafen zu brauchen. Die Nacht hatte wohl schon immer etwas Bedrohliches. Wie beruhigend, dass es nicht nur meinen Kindern so geht. Gar nicht so selten begegnet man in Wiegenliedern nicht nur guten Wünschen und Liebkosungen, sondern auch der genervten Bitte “Jetzt schlaf doch endlich ein!”. Das ist also nicht nur Problem der Moderne.

Das baden-württembergische Liederprojekt hat 2009 und 2013 zwei wunderschöne Liederbücher mit Wiegenliedern herausgebracht, die ich im Folgenden vorstellen werde:

Inhalt

WIEGENLIEDER

Mit dem ersten Wiegenliederbuch (Reclam/Carus 2009) nahm das ganze Projekt seinen Anfang. Hier sind bekannte deutsche Wiegenlieder gesammelt und durch einzelnen Kunstliedern ergänzt. Es passt, dass die meisten Lieder aus dem 19. Jahrhundert stammen. In der Zeit waren Volkslieder allgemein sehr beliebt, viele wurden aufgeschrieben, neu komponiert, gedruckt und verbreitet. Deshalb ist auch der begleitenden Klavierband sinnvoll, wenn man dazu spielen möchte. Es ist ja das Hauptinstrument der Romantik. Im Liederbuch selbst sind schon Akkordsymbole ergänzt, wenn man zum Beispiel die Gitarre zur Hand hat.

Für alle die kein Instrument spielen, gibt es eine Begleiten-CD im Buch, ohne Gesang und nur mit Melodieinstrument und Begleitung. Die Idee ist ganz schön, funktioniert aber im Alltag nicht. Es ist ja zum Mitsingen gedacht, aber wer legt sich die CD ein und singt dann alle 42 Lieder mit je zwei Strophen durch? Klar kann man auch mit der Wiederholungstaste arbeiten, zum Einsätze finden aber irgendwie auch nicht entspannt. Ich habe dann doch auf die eingesungene Fassung zurückgegriffen, wenn ich ein Lied neu lernen wollte. Die muss man sich aber extra besorgen oder oder sucht sie direkt auf der Homepage des Liederprojekts. Wer sich ein bisschen in der deutschen Klassiklandschaft auskennt, wird sämtliche Namen der Sänger wieder erkennen, man kann das wohl getrost als Starbesetzung bezeichnen. Qualitativ ist es insgesamt sehr schön und aufwendig gemacht, eine Seltenheit bei Kinderliedproduktionen. Es ist so ungewohnt, dass ich mich zunächst fragte ob das überhaupt normale Eltern zum selbst singen animieren würde. Dann bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass es eher das Gegenteil ist. Die Hochkultur des Singens wird für die Kleinsten geöffnet und von Anfang an anspruchsvoll dargeboten. Das finde ich schön.

Auch die Gestaltung des Buches ist mit großem Anspruch und viel Liebe gestaltet. Man merkt es jedes Mal, wenn man das Buch in die Hand nimmt.

Blick ins deutsche 
Wiegenliederbuch
“Wiegenlieder” S.72/73

WIEGENLIEDER AUS ALLER WELT

Das zweite Wiegenliederbuch (Reclam/Carus 2013) aus der Reihe ist genauso schön gestaltet wie das erste. Es enthält ebenfalls 42 Lieder und alle sind in einer anderen Sprache. Es ist ungeheuer spannend in dem Buch zu blättern, die vielen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken und dabei den Einspielungen aus Youtube zu lauschen.

Auch hier wurde sich sehr viel Mühe bei der Darstellung gegeben: Die Liedtexte sind im Original, in lautsprachlicher Übersetzung, mit deutscher Übersetzung und ergänzt durch Akkordsymbole oder Zusatzinformationen, dazu wunderschöne Fotografien von Kindern aus aller Welt.

Die Begleit-CD ist auch hier zum Mitsingen gedacht. Und wieder habe ich mich erst über die Idee gefreut und dann doch nicht gut damit arbeiten können. Die instrumentalen Einspielungen sind immer durch eine Aussprachehilfe ergänzt. Die kommt aber immer im Anschluss auf dem selben Track. Will man das Lied also üben, muss man immer umständlich vor- und zurückspülen. Dazu singen ist auch nicht so schön, weil nach zwei Strophen direkt der gesprochene Text beginnt und man unterbrochen wird. Da stand bei der CD-Konzeption der erzieherische Gedanke wohl dem praktikablen im Weg.

Das ersten Lied “Guten Abend, gut´ Nacht” ist in fünfzehn verschiedenen Sprachen abgedruckt, ein gelungener Einstieg. Das jiddische “Schlaf mein fegele” ist in beiden Büchern abgedruckt, aber in zwei Varianten eingesungen. Schadet nicht, es ist ein schönes Lied.

Blick ins internationale Wiegenliederbuch
“Wiegenlieder aus aller Welt” Seite 12

Zusammen sein, zusammen singen

Ich habe unseren Kindern von Anfang an vorgesungen. Dabei waren mir die Liederbücher gute Begleiter. Sie lagen einfach aufgeklappt auf der Kommode, dem Notenpult oder dem Regal. So konnte ich einen Blick hineinwerfen, wenn ich mein Kind auf dem Arm hatte und mit ihnen gelaufen oder getanzt bin. Zum Üben habe ich mich ans Klavier gesetzt und das Baby auf meinen Schoß.

Tatsächlich wollte nie ein Kind über das Singen einschlafen oder sich beruhigen lassen. Am ehesten konnte ich es noch als Ablenkung verwenden. Statt dessen spielten und musizierten wir zusammen. Meistens wurde ich mit einem hinreißenden Lächeln belohnt. Mit Rasseln und anderen Instrumenten könnten die Mäuse bald mitspielen. Es ist einfach eine wunderschöne Zeit des Zusammenseins. Man ist ja gerade im ersten Jahr recht viel allein zu zweit zu Hause. Ich selbst habe nicht viele Mutter-Kind-Gruppen besucht, weil ich den Tag lieber nach dem Schlafrhythmus des Kindes geplant habe – und froh war, wenn es in Ruhe schlief.
Meiner Erfahrung nach ist Singen in erster Linie eine sehr wirkungsvolle Art Kontakt zu halten und Nähe zu vertiefen. Wie gesagt, zum Einschlafen und Beruhigen funktionierte es nicht so gut. Ich denke es war für meine Kinder einfach “too much information”.

Mit meinen älteren Kindern habe ich die Bücher zum Vorlesen genutzt. Wir haben einfach darin geblättert, die wunderschönen Illustrationen betrachtet, bekannte Lieder gesucht und neue gefunden. Ich hoffe die Bücher später auch für die Hausmusik mit den Mäusen zu nutzen. Aber ich werde meine Kinder wahrscheinlich an ihren rockenden Vater verlieren. Auch gut, dann macht der mit der musikalischen Ausbildung weiter.

Zusammenfassung

Beide Bücher sind eine Bereicherung für die Kinderbibliothek und für uns Erwachsene. Sie sind nicht nur für die Zeit in der Familie gut geeignet, sondern auch für alle anderen musikalischen Zwecke. Ich habe damit schon unterrichtet und konzertiert. Wer sich für Lieder allgemein interessiert, findet hier eine wunderschöne und hochwertige Zusammenstellung.

Jasmin

Hier schreibt Querida, ich bin Musikerin, Lehrerin und Mama von drei Kindern. In diesem Blog geht es um Musik und Lernen im Alltag mit Kindern. Denn ich bin überzeugt: Menschen brauchen Musik!

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