Solmisationskurs für Kinder

Solmisationskurs für Kinder

“When you know the notes to sing, you can sing most anything”

Maria aus “The Sound Of Music”

Dieser Videokurs vermittelt die Grundlagen der Solmisation, eine Methode mit der man Notenlesen und -singen lernen kann. Ich habe ihn für die Kinder des Kinderchors der Hoffnungskirche Pankow konzipiert und darin meine Erfahrung als Chorleiterin, Stimmbildnerin und Musiklehrerin einfließen lassen. Singen und auch das Singen nach Noten ist e eine Kulturtechnik. Wie jede Kulturtechnik erweitert sie die Möglichkeiten unserer Kinder sich die Welt zu erschließen und sich selbst auszudrücken. Außerdem werde ich nicht müde zu betonen, dass Singen anthropologisch betrachtet eigentlich vor dem Sprechen kommt. Kultivieren wir das Singen, kultivieren wir unsere Sprache, in dieser Reihenfolge.

E. Edwin Gordon weist in seiner Music Learning Theory nach, dass es wie für den Sprach- und Schrifterwerb auch für das musikalische Hören (er nennt es Audiation) eine sensible Phase gibt, die etwa um den 10. Geburtstag herum endet. Deshalb richtet sich dieser Kurs an Kinder im Grundschulalter. Wie bei Allem, was Training bzw. Übung erfordert, braucht es zum Verinnerlichen eben genau dies. Etwa 5 Minuten täglich sind aber vollkommen ausreichend. Ein guter Zeitpunkt zum Üben ist etwa vor den Hausaufgaben oder vor dem Abendbrot. Denn, auch darauf weise ich immer wieder gern hin, Musik öffnet den Geist des Kindes, ist also eine gute Eröffnung für weitere Geistige Aktivität.

Der Aufbau der folgenden Lernabschnitte orientiert sich an Malte Heygesters Vorschlägen zu Unterrichtsverfahren der Relativen Solmisation. Dieses und weitere verwendete Bücher sind am Ende des Beitrags noch einmal aufgelistet.

Ein Wochenplan zum Abhaken ist eine gute Lernunterstützung:

Am Ende des Kurses haben wir alle acht Töne der Durtonleiter mit Handzeichen und Notation im Notensystem kenngelernt, außerdem die grundlegende rhythmische Unterscheidung zwischen Viertel- und Achtelnoten. Und jetzt geht es los:

Die ersten beiden Töne – SO und MI

SO und MI im Notenbild

Die Tonverbindung SO-MI bildet auch die sogenannte “Rufterz” sie ist neben der Tonwiederholdung die häufigste Tonverbindung. Sie kommt in den meisten Liedern vor und ist leicht zu erkennen. Deshalb wählte auch Zoltán Kodaly für seine ungarische Chorschule diese beiden Anfangstöne. In Ungarn ist diese Form der musikalischen Allgemeinbildung noch immer fest im Schulcurriculum verankert.

Aufgabe 1:
Suche dir einen schönen handlichen Stein. Bemale ihn gern wenn du möchtest. Deine Aufgabe ist es nun mindestens einmal am Tag den Stein in die Hand zu nehmen und die Steinmelodie zu singen. Suche dir außerdem ein Familienmitglied, dem zu die Steinmelodie einmal vorsingst.

SO und Mi im Notensystem
SO und MI im Notensystem

Musikalische Grüße

SO und MI mit Handzeichen
MI

Bei der Solmisation geht es um das erlernen von Tonbeziehungen. Diese Tonbeziehungen kann man in Form eines Notenbildes aufschreiben. Darüber hinaus kann man sie aber auch mit bestimmten Handzeichen verdeutlichen. Für jede Tonsilbe gibt es ein entsprechendes Handzeichen.

SO

Aufgabe 2:
Übe die Handzeichen für SO und MI. Lass deinen musikalischen Gruß auf Video aufnehmen oder bringe ihn deiner Lehrerin persönlich vorbei.

Tonbeziehungen

SO und MI sind wie Geschwister

Man spricht konkret von der relativen Solmisation, in der Musik gilt wie überall: Alles ist relativ – auf die Beziehung kommt es an. Vergleicht man die Tonbeziehungen mit Familien, so könnte man sagen SO und MI sind zum Beispiel große Schwester und kleine Schwester. Egal wo diese Kinder leben, wie sie aussehen, welche Sprache sie sprechen, welche Namen sie haben, sie sind immer große Schwester und kleine Schwester. In der Solmisation setzen wir die Töne in Beziehung zu einander, egal wie hoch und wie tief, wie lang oder mit welchem Instrument sie gespielt werden, die Beziehung unter den Tönen bleibt gleich, sie kann gehört und gesungen werden. Eine Tonfamilie wird als Tonart bezeichnet. Schreibt man eine Melodie in Noten auf, so hat jeder Ton seinen eigenen Platz im Notensystem, so erkennt man ihn immer wieder, wenn er in der Melodie vorkommt.

Aufgabe 3:
Auf dem folgenden Arbeitsblatt steht in jeder Notenzeile eine neue Melodie in einer neuen Tonart. Die Geschwister SO und Mi sind markiert. Kannst du entdecken wo sie in der Melodie noch vorkommen? Male die entsprechenden Noten aus.

SO und MI - Geschwister
SO und MI – Geschwister

Ein neuer Ton: LA

Melodie im Quadrat

Der dritte Ton befindet sich genau einen Tonschritt über dem SO. In der Geschwisterbeziehung der Töne, kommt jetzt also der große Bruder von SO und MI dazu.
Verdeutlicht wird das durch die Tontreppe. Die dazugehörige Melodie hat vier Abschnitte, deshalb habe ich zur Notation ein Quadrat gewählt. Die Tonsilben auf dem Tafelbild sind dabei in der Kurzschreibweise (auch Buno genannt) notiert.
Man singt:
SO SO SO – LA LA LA – / SO LA SO LA SO – MI – / SO SO – LA LA LA – / SO LA SO LA SO -.

Schreitmelodie zu LA

Aufgabe 4:
Suche dir ein quadratisches Tuch (z.B. ein hübsches Halstuch) und breite es auf dem Boden aus. Es sollte genug Platz sein, um darum herum zu laufen. Schreite die Ränder des Tuches mit gleichmäßigen Schritten ab. Singe dazu die neue Melodie so, dass du genau dann fertig bist, wenn du einmal um das Tuch herumgelaufen bist.


Geistermelodie mit neuem Ton: RE

neuer Ton RE

Der neue Ton RE ist der kleine Bruder von LA, SO und MI, er liegt direkt unter dem Mi. In der Geistermelodie konzentrieren wir uns auf die Handzeichen. Wie bereits erwähnt hat jede Tonsilbe ein eigenes Handzeichen. Dadurch merkt sich der Körper die Tonbeziehungen nicht nur über das Gehör und das Auge, sondern auch über die Bewegung. Dadurch kann man die Musik auch im wahrsten Sinne des Wortes “begreifen”.

Aufgabe 5:
Lerne die Geistermelodie mit Handgesten
1. Handzeichen mit beiden Händen
2. Summen ohne Text, aber mit Handzeichen
(zuerst ganz langsam und ohne Video)
3. Singen mit Handzeichen abwechselnd
links und rechts (und evtl. Video als Unterstützung)
4. Singen mit Handzeichen und ohne Video
Schicke mir, wenn du möchtest eine Aufnahme deiner Variante.

Mit Tonsilben improvisieren

Improvisieren auf der Tontreppe

Wenn wir improvisieren, erfinden wir Musik in dem Moment in dem wir sie auch spielen. Eigentlich ist das natürlichste Form des Musizieren, man kann ganz kleinen Kindern schon dabei zuschauen. Mit Hilfe von Solmisationssilben kann man Melodien so erfinden, dass man sie auch aufschreiben oder mit anderen zusammen singen kann.

Aufgabe 6:
Lege die Tontreppe mit den dir bekannten Silben LA, SO, MI, RE und DO vor dich. Nimm deinen Stein oder deinen Finger und bewege ihn so über die Tontreppe, dass du die passenden Töne dazu singen kannst. Wenn du eine schöne Silbenfolge gefunden hast, die du auch gut singen kannst, schreibe sie dir auf.

du dudei – eine Rhythmussprache

Rhythmussprache

Im Notenbild wird nicht nur die Tonhöhe, sondern auch die Tonlänge abgebildet. Heute nutzt man am häufigsten Viertel- und Achtelnoten, wobei eine Viertelnote doppelt so lang ist wie eine Achtelnote. Setzt man die Tonlängen einer Melodie zusammen, so entsteht der Rhythmus der Melodie. Für die Rhythmussprache gibt es eigene Silben, damit man ihn getrennt von den Tonhöhen üben kann. Wie die Tonhöhen, stehen auch die Tonlängen zueinander in Beziehung. Je nachdem in welchem Tempo ich eine Melodie singe und spiele, verändern sich auch die Tonlängen. Was aber immer gleich bleibt, ist das Verhältnis zwischen den Noten. Eine Viertelnote ist also immer doppelt so lang wie eine Achtelnote und eine Viertelpause genauso lang wie eine Viertelnote.

Aufgabe 7:
Übe eine Woche lang täglich das Stück “Voll okay!” ein.

Tonhöhe und Rhythmus werden zu einer Melodie

Melodie und Rhythmus zusammen

Jede Melodie besteht aus Tönen mit unterschiedlichen Tonlängen und Tonhöhen, fügt man noch einen Text dazu, entsteht ein Lied. Auch der Rhythmus steht im Verhältnis zum Tempo des Liedes; egal wie schnell oder langsam ich ein Lied singe, die Tonlängen verhalten sich zueinander gleich. Deshalb kann man ein Lied auch erst erkennen, wenn beides, also Melodie und Rhythmus übereinstimmen.

Aufgabe 8:
Auf dem folgenden Arbeitsblatt siehst du Notenbilder von verschiedenen Liedern, schreibe die Rhythmussprache darunter und sprich den Text im richtigen Rhythmus.

Neuer Ton FA – oder ein Abendlied

FA macht schon ein Lied

Der neue Ton FA schließt die Lücke zwischen MI und SO. Mit diesem erhalten wir auch eine besondere Tonbeziehung, die für unsere Tonarten sehr wichtig ist. Zwischen MI und FA liegt ein sogenannter “Halbtonschritt”. Das heißt sie liegen (hörbar) halb soweit auseinander wie die anderen Töne. Es gibt in unserem Musiksystem noch einen weiteren Halbtonschritt zu dem wir im letzten Abschnitt dieses Kurses kommen werden. Mit dem besonderen Ton FA aber können wir die meisten Lieder schon auf Solmisationssilben singen.

Aufgabe 9:
Übe das Lied “Der Mond ist aufgegangen” mit den Tonsilben zu singen.

Die Tonleiter – TI und fertig

die ganze Tonleiter

Mit dem Ton TI haben wir alle Töne der Tonleiter zusammen. Jede Tonleiter hat acht Töne, wo bei der Ton auf dem die Tonleiter beginnt und endet Grundton heißt. In unserem Fall, wie auch bei den meisten Melodien, ist das DO. Der Ton TI auf der Tonstufe liegt direkt darunter und führt musikalisch zum DO hin. Er wird deshalb Leitton genannt.

Alle Handzeichen der DO-Tonleiter
alle Handzeichen

Die Tonschritte TI-DO und MI-FA sind die einzigen beiden Halbtonschritte in einer Tonleiter. Je nachdem auf welcher Stufe der Tonleiter sie liegen bestimmen sie die Tonart einer Melodie, man könnte dazu auch Familienname sagen. In unserem Fall liegen MI-FA auf der 3.-4. und TI-DO auf der 7.-8. Stufe. Damit sind wir in der Tonart (Tonfamilie) Dur (oder kirchenmusikalisch: Ionisch). Zu dieser Tonfamilie gehören die meisten europäischen Volks- und Kirchenlieder. Wir können damit also fast alles singen und fröhlich mit Maria durch die Berge tanzen:

Literatur:
Malte Heygster “Relative Solmisation – Grundlagen, Material, Unterrichtsverfahren” (Schott 2012)
Mechtild Fuchs “Musik in der Grundschule neu denken – neu gestalten” (Helbling 2010)
Ulrich Moritz/Heike Trimpert “Rhythm Songs – Solmisation plus Bodypercussion” (Helbling 2020)
Axel Christian Schulz “do, re, mi…-was ist das?”(Oberhausen 2008)
Anna László “Die relative Solmisation als Gehörbildungskonzept” (Saarbrücken 2013)
Zoltán Kodály “Chorschule” (Budapest 1941)

Jasmin

Hier schreibt Querida, ich bin Musikerin, Lehrerin und Mama von drei Kindern. In diesem Blog geht es um Musik und Lernen im Alltag mit Kindern. Denn ich bin überzeugt: Menschen brauchen Musik!

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