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Musizieren mit links

Ein vernachlässigtes Problem im Musikunterricht

Zum Thema Linkshändigkeit herrscht sehr viel Unwissenheit. Meist wird aus mangelndem Problembewusstsein unreflektiert weitergegeben was üblich ist. Oft wird auch einfach bagatellisiert, weil es schließlich genug Linkshänder gäbe, die hervorragend “rechts herum” spielten.

So einfach ist es aber leider nicht, denn die eigentliche Händigkeit hängt mit der Hirnseitendominanz zusammen und ist genetisch festgelegt. Durch Umstellung der angeborenen Händigkeit “kommt es zu einer Überlastung der nicht dominanten Gehirnhälfte und zu Übertragungsschwierigkeiten im Corpus callosum”(Sattler, Das linkshändige Kind in der Grundschule, S.70). Das hat Folgen!

Beim Instrumentalspiel und beim Schreiben etwa übt man sehr komplexe Bewegungsabläufe über Jahre hinweg ein. Geschieht das „falsch herum“ sind Primär- und Sekundärfolgen für Körper und Psyche zu erwarten. Erkennen die Menschen in der Umgebung den Grund für auftretende Probleme nicht, entwickelt das Kind Kompensationsmuster und Strategien die sich auf das ganze Leben hinderlich auswirken. Beim Kind, das gerade ein Instrument lernen, kann es zum Beispiel sein, dass trotz deutlich erkennbarer Musikalität Fortschritte am Instrument nur durch große Anstrengungen erreichen lassen. Es verkrampft, deprimiert und verliert die Lust. Außerdem kann es zu Konzentrationsaussetzern, Verkrampfungen, Haltungsschäden, Auftrittsangst und Blackouts kommen.

Wie erkennt man eigentlich Linkshänder?

Die einfachste Erklärung ist wohl, wenn jemand mit links schreibt und zeichnet. Das ist bloß leider zu kurz gegriffen, weil die Bedeutung der Sozialisation dabei vollkommen außer Acht gelassen wird. Besonders kleine Kinder lernen durch Nachahmen. Das hat mit unseren Spiegelneuronen zutun. In einer rechtsgeprägten Umwelt, passiert es also oft von allein, dass Kinder nach dem Stift oder der Schere mit der rechten Hand greifen, weil ihre Vorbilder das tun. Die Prägung beginnt also sehr früh und es bedarf hier einer besonderen Sensibilität im pädagogischen Umfeld. Ich habe als Mutter oft gelesen, dass sich bei sich der Handgebrauch bei Kindern mit dem Vorschulalter stabilisiert haben sollte. Tatsächlich lässt sich die Bevorzugung der eigentlich dominanten Hand ab Geburt beobachten. Besonders gut kann man die Handbevorzugung zwischen einem und drei Jahren beobachten, da in dieser Zeit die Beeinflussung von außen noch relativ gering ist. Denn jetzt kommen wir zu einer ziemlich brisanten Annahme:

Jeder zweite Mensch ist Linkshänder!

Das postulierte der Linkshandforscher Hanns v. Rolbeck 2003 aufgrund seiner seit 1965 durchgeführten Untersuchungen. Die verbreitete Meinung in der Wissenschaft geht von einem Linkshänderanteil von 10-15% weltweit aus und wurde 2019 erst wieder durch eine Meta-Studie bestätigt. Allerdings stützen sich die meisten Studien auf Selbstauskünfte von Befragten und beachten soziokulturelle Bedingungen nicht. In den USA zum Bespiel schreiben mittlerweile 30% der Menschen mit links, in Japan aber nur 2%. Auch in Deutschland gibt es zwischen den einzelnen Bundesländern große Unterschiede beim Anteil der links schreibenden Kinder in der Grundschule. In Bayern ist er mit 20-30% am höchsten. Dort gibt es auch die meisten Beratungsstellen für Eltern und gezielte Informationen für Lehrer.

Dass die Händigkeit angeboren ist, gilt als belegt. Wie es dazu kommt ist allerdings gar nicht klar. Ich habe hier mal ein paar Theorien zusammengetragen:

  1. Die Fighting-Hypothese, nach der Linkshänder im Kampf einen Wettbewerbsvorteil haben.
    https://www.spektrum.de/news/linkshaender-die-ursachen-der-haendigkeit/1662042
  2. Das Testosteron ist verantwortlich, weshalb im Winter mehr Linkshänder geboren werden und es mehr linkshändige Männer gibt.
    https://www.migrosmagazin.ch/zehn-dinge-die-sie-ueber-linkshaender-wissen-sollten
  3. Die Entdeckung des sogenannten Right-Shift-Gens
    https://www.wissenschaft-im-dialog.de/projekte/wieso/artikel/beitrag/wie-entwickeln-sich-links-und-rechtshaendigkeit/

Diese Theorien gehen von einem konstanten Linkshänder-Anteil von etwa 10-15% aus. Sie passen interessanter Weise alle nicht zu den Erkenntnissen aus der Zwillingsforschung: Es ist belegt, dass eineiige Zwillinge, die genetisch gleich sind und unter gleichen Bedingungen im Mutterleib aufwachsen sehr häufig eine gespiegelt Händigkeit haben (bei 25% ist einer rechts- und einer linkshändig). Es gibt aber fast nie zwei Linkshänder als Zwillingspaar. Das deutet darauf hin, dass die meisten Linkshändigkeitsstudien soziokulturell verfälscht sind und die meisten Linkshänder ihre angeborene Händigkeit nicht leben.

Ist es wirklich so schlimm, wenn man einfach die rechte Hand nimmt?

Könnte man berechtigterweise fragen, wenn das Kind doch alles freiwillig mit rechts macht. Sicher ist das bei weniger komplexen Tätigkeiten wie Löffeln, Brot schmieren und Zähneputzen nicht so dramatisch, schließlich haben wir zwei anatomisch ziemlich gleiche Hände. Beim Schreiben, Schneiden und eben Musizieren sieht die Sache aber anderes aus. Durch die langfristige Überbeanspruchung der nicht dominanten Hand kann es neuronalen Schädigungen kommen, weil das Gehirn in eine permanente Stresssituation gebracht wird. Es muss den Bewegungsimpuls von der dominanten Hirnhälfte immer in die andere bringen bevor die Bewegung ausgeführt werden kann. Das konnte man inzwischen durch bildgebende Verfahren in der Positronen-Emission-Tomographie darstellen (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11923446). Diese Transaktionsleistung erfolgt immer über den Corpus collosus, die Brücke zwischen beiden Hirnhälften, der auch beim Musizieren eine wichtige Rolle spielt.

Es soll hier nicht das Bild entstehen, die jeweils nicht dominante Hand wäre “nur” eine Hilfshand für die Andere. Es ist eher so, dass ihr andere Aufgaben zugewiesen sind. Es ist vergleichbar mit den Füßen, bei denen wir beide nutzen können. Das eine aber als Standbein und das andere als Spielbein bezeichnet wird. Bei den Händen gibt es eben eine Haltehand (die das auch besser kann als die andere) und eine Spielhand für feinmotorisch geschicktere Arbeiten.

Musik wird rechts verarbeitet

Damit ist die Hirnhälfte gemeint in der das Ton- und Melodie-Gedächtnis liegt, sowie die vorsprachliche Sinnerfassung. Zeitliche Abfolge und konkrete verbale Zuordnungen erfolgen auf der linken Hirnhälfte. Es ist also klar, dass ein Musiker beim musizieren und beim Hören von Musik beide Hirnhälften nutzt um Melodik, Harmonik, Rhythmus und Ausdruck mit einander zu verbinden und Musik entsprechend zu begreifen und wiederzugeben. Man könnte jetzt spekulieren, dass Zuhörer das Spiel von einem Linkshänder als musikalischer wahrnehmen, weil bei ihm eben die Hirnhälfte dominant ist in der musikalische Ausdruck und Intonation angesiedelt sind. Dementsprechend besser müsste der Rechtshänder bei Rhythmus und musikalischer Form sein. Das ist aber, wie gesagt Spekulation. Es ist davon auszugehen, dass die Führungshand die ausdrucksstarke und reaktionsschnellere ist, was sich dann auf die Darstellung eines Musikstücks auswirkt.

Spielen auf “rechten” Instrumenten

Hier wird für mich auch deutlich, warum es für Linkshänder so wichtig ist auf ihnen entsprechenden Instrumenten zu spielen. Bei Streichern wird der Ausdruck über den Bogen vermittelt, beim Klavier liegt die Melodie meist in der rechten Hand. Natürlich kann man auch auf positive Begleiterscheinungen des “anders herum” Spielens hinweisen. So haben es Streicher wohl leichter bei Doppelgriffen und beim Klavier ist eine führende Bassstimme leichter darzustellen. Nicht zu vergessen das Übergreifen der linken Hand, was besonders bei Mozart oft vorkommt (der übrigens auch Linkshänder war).

Linkshändige Musiker, die ihr Spiel entsprechend umgestellt haben, berichten sehr positiv davon. Es wird vor allem ausdrucksstärker und entspannter. Einen Vorreiter möchte ich hier mal zu Wort kommen lassen:

Geza Loso linkshändiger Pianist und Musikpädagoge

Die Langzeitfolgen eines permanenten Umwegs im Gehirn sind noch lange nicht ausreichend erforscht, lassen aber durch die Forschungsarbeit von Prof. Sattler im psychologischen und Dr. von Rolbeck im physiologischen auf die Entwicklung diverser Krankheitsbilder schließen.

Mir erscheinen da die Schlussfolgerungen von Prof. Kopiez an der HMTM Hannover zu einer durchgeführten Studie zur Händigkeit bei Streichern im Orchester sehr kurz gegriffen. Er äußert sich sinngemäß, dass die linkshändigen Musiker auch auf rechts gespielten Instrumenten hervorragend spielen würden und daher ein Umlernen in Bezug auf die Arbeitsmöglichkeiten und die Beschaffung von Instrumenten schwierig sei. Für Laien könne es aber eine Möglichkeit darstellen, weil hier der Anpassungsdruck an die Norm eben nicht so groß ist.

Ich halte das für kein ausreichendes Argument gerade im Hinblick auf eine eventuelle Professionalisierung von jungen Menschen. Sie sollten ihren Beruf möglichst so lange ausführen können, wie sie möchten ohne ungeklärte depressive Zustände, feinmotorische Aussetzer, Zittern oder vorzeitige Verschleißerscheinungen. Das eventuelle Stören eines in die andere Richtung streichenden Geigers kann kein akzeptabler Grund sein. Hier sei am Rande erwähnt, dass Frauen bis vor gar nicht langer Zeit auch als problematisch im oder vor dem Orchester galten!

Linkshändige Vorbilder

Sie sind wichtig, um ein Umdenken zu Bewirken. Man muss sie noch suchen, aber ich hoffe, dass es mit der Zeit selbstverständlicher wird. Kinder ihren Anlagen gemäß spielen zu lassen ist wichtig um ihnen ihre Spielfreude und ihre Möglichkeiten nicht zu verstellen.
Hier ein wunderschönes Bild von Charly Chaplin, eins mit seinem Instrument:

Charly Chaplin am Cello

Fazit

Die Achtung vor der natürlichen Veranlagung gehört zur musikalischen Förderung dazu. Normen und Gewohnheiten sind kein Grund, sie zu ignorieren. Es entspricht dem Wesen der Menschen sich musikalisch auszudrücken. Das sollte man nicht durch Unwissenheit verbauen.

Literatur:
Sattler, Johanne Barbara “Der umgeschulte Linkshänder oder der knoten im Gehirn” (13. Auflage 2019, Augsburg)
“Das linkshändige Kind in der Grundschule” (16. Auflage 2010, Donauwörth)
Mengler, Walter “Musizieren mit links” (2010 Mainz)
Mühlhäuser, Jessica und Silvia/ v. Rolbeck, Hanns “Nicht gelebte Linkshändigkeit – nicht genutzte Potentiale”(2011 Tübingen)
Kopiez/Galley “Händigkeit: ihre theoretischen Grundlagen und ihre Bedeutung für das Instrumentalspiel”(2010 Münster)
https://dgfmm.org/fileadmin/abstracts/2010-3-3-Kopiez-kurz.pdf

Jasmin

Hier schreibt Querida, ich bin Musikerin, Lehrerin und Mama von drei Kindern. In diesem Blog geht es um Musik und Lernen im Alltag mit Kindern. Denn ich bin überzeugt: Menschen brauchen Musik!

(1) Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Die Frage: „Wie erkennt man eigentlich Linkshänder ?“ (Bzw.: wie identifiziert man die eigentlich dominierende Hand?) ist nicht ausreichend beantwortet:: Es sind die in jedem Menschen angelegten (intuitiven) Rhythmischen Äußerungen. Die dominierende Hand oder auch der Fuss wird dabei die Schwerpunkte (die assistierende die zwischenschläge) oder die alleinige Ausführung übernehmen wollen. (Die assistierende das Greifen). Damit kann (und sollte) man innerhalb weniger Sekunden eine sichere Diagnose stellen (können).
    Schön das in dieser Abhandlung mal die Rhythmische Latenz angedeutet wurde, die entsteht,
    wenn die Hand, in die der Rhythmische Impuls (kongenital) geleitet wird, zum Greifen des Tones (oder der Ausführung von zwischenschlaegen, statt der Hauptschlaege) verdammt ist.
    Denn wirklich gute Rhythmische Koordination (Groove, Timing, Ausdruck, Agogik) wird durch falschrum Spielen auf ewig verhindert.
    Wackelt ihr also beim (z.B. Gitarre) spielen immer mit dem linken Fuß rum, obwohl ihr mit der rechten Hand anschlagt, Probiert es einfach mal mit einer Linksgitarre. Das gilt ganz besonders für die vielen Bassisten, die so gerne den Beat verschleppen. Da bekommt das Wort Basis mal eine ganz interessante Bedeutung.

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