furchtloses Herz-Mudra

Links ist da wo der Daumen rechts ist

Seitigkeit in Sprache, Schrift und Schule

lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum
(Ernst Jandl, 1966) 

Sprichwörtliches

Schaut man sich die deutsche Sprache und Gespräche an, so merkt man schnell, dass die kleinen Wörter links und rechts nicht nur der Orientierung dienen, sondern auch gern herangezogen werden um noch viel mehr Facetten des Lebens nicht nur zu verdeutlichen, nein, auch zu bewerten.

Wir können “mit dem linken Bein aufstehen”, “jemanden linken”, ein “linker Typ sein”, “zwei linke Hände haben”, “jemanden links liegen lassen”, auch “linkisch sein” oder “etwas mit links machen”. Wir können aber auch “die rechte Hand von jemandem sein”, “vom rechten Weg abkommen”, “rechtschaffen” sein oder wir geben “die schöne Hand” (meint die rechte). Es fällt also auf, dass wir, bewusst oder unbewusst, es mit einer klaren Wertung der beiden Seiten zutun haben. Warum ist das so, wo kommt es her und wo führt es vielleicht hin?

Woher diese Abneigung

Es gibt Sprachen, in denen existieren keine Worte für rechts und links. In Nordaustralien lebt zum Beispiel die Volksgruppe der Guru Yimithirr, die sich ausschließlich an den Himmelsrichtungen orientieren. Das Messer liegt dann also nicht rechts von mir, sondern etwa südlich oder südwestlich von mir. Nehme ich es und stecke es ein, so verändert es auch entsprechend seine Lage im Raum mit meinen Bewegungen. Logisch eigentlich, den es ist unter Umständen wichtiger, die Dinge nicht nur zu mir in Beziehung zu setzen, sondern auch zu wissen wo ich mich zu ihnen befinde. Wir haben ja heute die Fähigkeit uns an den Himmelsrichtungen zu orientieren weitgehend an Karten, Kompass und Navi abgegeben.

Zurück zur Seitigkeit: Sie hat natürlich mit dem, in unserem Kulturkreis tief verwurzelten, Dualismus zutun. Wir mögen Gegensatzpaare: hell-dunkel, schwarz-weiß, groß-klein, dick-dünn, gut-böse.
Pythagoras hat dafür einst eine Gegensatztafel erstellt mit deren Hilfe sich die Welt einteilen ließe. Für Pythagoras drehte sich alles um Zahlen und zahlenmäßige Verhältnisse. Ihm haben wir es zu verdanken, dass die Quinte als das perfekte Intervall gilt, sie ist die Symbiose aus 2 und 3, gerade und ungerade, Frau und Mann. Aristoteles übernahm diese Gegensatztafel und siehe da, es finden sich auch rechts und links:

gerade (Zahl)ungerade (Zahl)
weiblichmännlich
dunkelhell
schlechtgut
kaltwarm
krummgerade
linksrechts
aus Rik Smits “Linkshänder – Geschick und Geschichte einer besonderen Begabung”(Köln 2017), S.25

Das altgriechische Wort für “links” ist ein Euphemismus “aristoz” und bedeutet auch “der Beste”, um das drohende Unheil zu verschleiern. Blickt der Europäer nach Norden (zum Orientierungspunkt Nordstern), so liegen links im Westen Sonnenuntergang und Unterwelt. Auch das lateinische Wort für links “sinister” hat sich bis heute erhalten und bedeutet “düster, zwielichtig, unheilvoll oder melancholisch”. Das Wort für rechts “dexter” wurde gebraucht für “glücklich, passend, günstig” und schon damals hatte man “recht”, wenn man nach dem Gesetz handelte (dextera domini fecit virtutem – das Recht hat die Macht).

Die Abwertung von links gegenüber rechts verbindet sich also im einem Weltbild, das auch die Frau gegenüber dem Mann abwertet, so hat man noch in der Frühmoderne Hexen angeblich daran erkannt, dass sie sich mit links bekreuzigten. Das Christentum, ursprünglich von Frauen und gesellschaftlich Missachteten getragen, passte sich mit seinem Aufstieg zur Staatsreligion den gegebenen Wertvorstellungen an übertrug zunächst den Dualismus als Weltanschauung in seine Schriften, Rieten und Anweisungen. Es zementierte zugleich institutionell, was zuvor nicht in allen Bereichen so eindeutig war: Frauen sitzen links, Männer rechts vom Altar, Maria steht links am Kreuz, Das Jesuskind sitz auf ihrem rechten Arm und natürlich sitzt Jesus zur Rechten Gottes.

Aber es gibt noch zwei Institutionen, die die Bevorzugung der rechten vor der linken Seite manifestierten und in alle kulturellen Bereiche Bereiche brachten: das Militär und die Schule. Zugegeben, es ist schwer im Gleichschritt zu marschieren, wenn einige mit dem anderen Bein beginnen. Obwohl noch von Alexander dem Großen (selbst Linkshänder) überliefert ist, er habe einen Links- und einen Rechtshänder zusammen an der Spitze des Heeres marschieren lassen, um gerade aus zu laufen und nicht zu einer Seite zu driften. Nun mag es außerdem schwer sein sich im Gefecht gemeinsam zu verteidigen, wenn das Schild des Nachbarn auf der anderen Seite ist. Das leuchtet ein, obgleich ausgerechnet bei kriegerischen Auseinandersetzungen, die Linkshänder jeher im Vorteil waren. So berichtete Homer “„… allein zwei Lanzen zugleich warf Asteropaios, der Held, der rechts (geschickt) mit jeglicher Hand war. “ in der Ilias. Und auch das Alte Testament weiß von “siebenhundert auserlesenen Männern, die linkshändig waren und mit der Schleuder ein Haar treffen konnten, ohne zu fehlen”(Richter 20,16).

Steinrelief mit Kriegerdarstellung, Schild links, Speer rechts


Die religiöse Bewertung von rechts und links habe ich oben schon kurz angerissen. Da die Schule sich in ihren Strukturen an Kloster und Militär bis heute orientiert, muss ich die damit verbundene Bevorzugung von rechts nicht weiter ausführen. Die Industrialisierung und die damit verbundene Normierung von Bedienungen tat ihr übriges.

A Petition of the Left Hand

To Those Who Have the Superintendency of Education

I address myself to all the friends of youth, and conjure them to direct their compassionate regards to my unhappy fate, in order to remove the prejudices of which I am the victim…

Benjamin Franklin – Beginn von “A Petition of the Left Hand”

Benjamin Franklin bemerkte in einem Brief an Madame Billion (veröffentlicht 1815) bereits eine Ungerechtigkeit, die keiner anspricht, keine große Rolle spielt, irgendwie so selbstverständlich praktiziert wird, dass sie fast wie ein Naturgesetz daher kommt. Verschlüsse, Werkzeuge, Küchengeräte, Maschinen, Bedienungsleisten, Instrumente sind für Rechtshänder konzipiert und es ist zum Teil sehr schwierig bis unmöglich eine gespiegelt Entsprechung zu bekommen.

Die natürliche Schreibrichtung

Unsere Schrift hat sich aus den frühen Hochkulturen Mesopotamien und Ägyptens entwickelt. Inzwischen gilt es wohl als erwiesen, dass die Keilschrift nur mit der rechten Hand ausgeführt werden konnte und auch die ägyptischen Schreiber, scheinen wohl mit links geschrieben zu haben.

in Kuckenburg “Wer sprach das erste Wort?” (Tübingen 2004)

Neben den Hieroglyphen, die so platziert wurden, wie es zu dem Bildern passte und gut aussah gab es noch das ikonisierte und weniger schmuckvolle Hieratisch als Gebrauchsschrift für Verwaltung, Literatur und Briefe. Hier wurde zunächst von oben nach unten und ab etwa 2000 v. Chr. von rechts nach links geschrieben, mit Tinte und Binsenstengel auf Papyrus. Wie es scheint ist die Wahl des Schreibwerkzeugs ausschlaggebend für die Schreibrichtung.

Das erste lautgetreue Alphabet entwickelten die Phönizier mit einer Schreibrichtung ebenfalls von rechts nach links. Komischerweise praktizierten die Griechen aber zunächst eine gemischte Schreibweise namens “bustrophedone” (wie der Ochse pflügt”) mit wechselndem horizontalem Zeilenverlauf. Diese Tatsache und auch der Beginn des altgriechischen Alphabets deuten eher darauf hin, dass die Griechen ihre Buchstaben aus der kanaanitischen Schrift entwickelten, welche wiederum Symbole aus den Hieroglyphen entlehnt, um Anlaute ihrer Sprache auszudrücken.
So wurde das Symbol für “aleph” (Rind) für den Glottalverschluss genutzt (den wir auch heute noch vor Vokalanlaute setzen) und das Symbol für “beth” (Haus) diente dem b.
Bis heute nutzen semitische Sprachen zur Niederschrift lediglich die Konsonanten, die Lesenden müssen die semantisch sinnvollen Vokal im Kopf ergänzen. Dies könnte auch der Grund sein, warum die Griechen, die führ ihre Wortformung nötigen Vokale aus dem phönizischen Alphabet entlehnten. Nicht aber deren Schreibrichtung.

in Kuckenburg “Wer sprach das erste Wort?” (Tübingen 2004)

Wie dem auch sei, spätestens im 4. Jahrhundert setze sich die horizontale Schreibweise von links nach rechts durch. Wie sie auch heute noch in den lateinisch basierten Schriften praktiziert wird. Der arabische und Sprachraum behielt aber die (phönizische) Schreibrichtung bei und auch das heutige Hebräisch wird von rechts nach links gelesen und geschrieben.

Ich habe gelesen, dass das Schreiben und Lesen von links nach rechts der natürlichen Blickrichtung des Rechtshänders entspricht und auch der natürlichen Bewegungsrichtung der rechten Hand vom Körper weg. Das ist vorstellbar, scheint mir aber nach meinen obigen Ausführungen nicht der ausschlaggebende Punkt zu sein. Vielmehr leuchtet ein, dass eine rechte Hand die Feder als Schreibwerkzeug horizontal über das Papier ziehen kann, während die linke sie so schieben muß. Ein schon zuvor zum rechten Handgebrauch genötigter Schreiberling kann so leichter sauber und fleckenfrei arbeiten. Kulturen, in denen Schrift, als künstlerisches Ausdrucksmittel etwa mit dem Pinsel gemalt werden, haben oft den Schriftverlauf von rechts nach links und von oben nach unten, wie etwa Arabisch, Chinesisch oder Japanisch.
Ein mittelalterlicher Mönch, hätte es an seinem Schreibpult mit links sehr schwer gehabt.

aus A History Of Left-Handed Writing von Deborah Thorpe

Mein rechter rechter Platz ist frei

Die Industrialisierung und die allgemeine Schulpflicht haben den Linkshändern den Rest gegeben. Sie waren zuvor als Krieger eher im Vorteil, als Handwerker und Bauern frei in ihrer Werkzeugwahl und auch sonst nicht unbedingt zum Schreiben genötigt – auch Musikinstrumente konnten bis ins 18. Jahrhundert oft beidseitig gespielt werden. Seit dem 18. Jahrhundert aber wurden Maschinen und Werkzeuge genormt und ein jeder schrieb nunmehr und hielt sich an die Norm. So wurde im 19. Jahrhundert den Müttern eindringlich empfohlen ihre Kinder unbedingt zur “richtigen” Seite zu bewegen. Wer dies nicht tat, war schwach, widerspenstig, kriminell, eben sinister. Heute sieht man das freilich anders, seit 1990 wird in ganz Deutschland niemand mehr zum Schreiben mit der rechten Hand genötigt. Inzwischen ist bekannt, welche negativen Nebenwirkung eine Umschulung hat. Prof. Barbara Sattler, Gründerin des ersten deutschen Beratungsinstituts für Linkshänder, listet dazu eine Reihe von Folgeerscheinungen auf:
Gedächtnisstörungen
Konzentrationsschwierigkeiten
Legasthenie
Dykalkulie
Raum-Lage-Labilität
Sprachstörungen (Stottern)
uvm.

Wichtig ist dabei ihre Erkenntnis, dass eine Umschulung nie ohne Folgen für die Betroffenen bleibt. Es gibt kein “das hat mir nicht geschadet”, meist werden die Folgen nur nicht damit in Zusammenhang gebracht, weil sie so vielfältig sind.
Trotzdem herrscht Rechtshändigkeit und Rechtsorientierung weiter maßgeblich vor. Neun von zehn Menschen weltweit behaupten von sich sie seinen Rechtshänder, zumindest der kulturellen Prägung scheint das sehr entgegenzukommen. Was davon Veranlagung ist und was davon erlernt, ist so klar nicht. Es gibt durch aus prähistorische und biologische Anhaltspunkte, die eine natürliche 1:9-Verteilung in Frage stellen und von 1:1 ausgehen. Behauene Steinwerkzeuge und Höhlenmalereien deuten auf eine ungefähre Gleichverteilung der Handpräferenz hin.
Aber das ist eine andere Geschichte zu einer anderen Zeit. Faszinierend bleibt, dass es Linkshändigkeit schon immer gab, durch alle Zeiten, in allen Kulturen. Noch bleibt sie eine Besonderheit.

Jasmin

Hier schreibt Querida, ich bin Musikerin, Lehrerin und Mama von drei Kindern. In diesem Blog geht es um Musik und Lernen im Alltag mit Kindern. Denn ich bin überzeugt: Menschen brauchen Musik!

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