Mama und Baby beim Spielen

Fingerspiele in verschiedenen Sprachen

Warum Fingerspiele und Kitzelreime für Babys wichtig sind

Babys erleben Sprache zunächst als Klänge und Laute. Diese sind Teil seiner Um- und Innenwelt und nicht zu trennen von dem Menschen, der es trägt, berührt und ansieht. Es nimmt zunächst auf, hört zu und beginnt dann selbst zu imitieren und zu experimentieren.

Sprache hat mehre Ebenen: die musikalische Ebene mit Klangfarbe, Satzmelodie und Sprachrhythmus. Dazu kommt die soziale Ebene, also die Wahrnehmung und Wirkung Laute in Verbindung mit anderen Menschen. Und es gibt die körperliche Ebene, wie fühlt es sich in mir an, wenn ich meine Stimme nutze, die begriffliche Ebene entwickelt sich später.
Das Baby macht zunächst also ganzheitliche Erfahrungen mit denen es dann seine Sprache entwickelt. Man kann ein Baby auch nicht verwirren nach dem Motto montags Englisch, dienstags Französisch, mittwochs Italienisch, welche Sprache soll ich denn nun lernen? Es entwickelt seine Sprache in den entsprechenden sensiblen Phasen, erkennt Sinnzusammenhang und Satzstruktur.

Welche Fingerspiele sind sinnvoll?

Zunächst einmal alles was wir selbst auch gern mögen. Außerdem ist es nicht notwendig Babys nur in der Erstsprache anzusprechen, weil man vielleicht meint es würde diese dann schneller lernen. Ich denke es ist sogar sinnvoller auch andere Sprachen mit einzubeziehen. In einer zunehmend multilingualen Umgebung kann man genau das aufgreifen und zur eigenen Freude und zu der des Kindes das Spielangebot erweitern. So profitieren wie vom Klang und Charakter anderer Sprachen und erweitern nebenbei noch unseren eigene Horizont.

Ein Schmusereim aus Italien

Occhio bello - Fingerspiel aus Italien
Fingerspiel aus Italien (filastrocca)

Der Reim beschreibt das Gesicht und bedeutet sinngemäß:

Das ist dein hübsches Auge, das sein Bruder,
Das ist dein hübsche Ohr, das seine Schwester,
Vorne das große Tor, läute, läute große Glocke
Din, din, don, don.

Es ist der Lieblingreim meiner kleinen Tochter. Wenn sie mit mir am Wickeltisch ist und mich anschaut, spreche ich den Reim und berühre dabei ihr Gesicht. Zum Schluß läute ich ihre Nase und sie lacht mich an.
Den Italienern wird ja nachgesagt, sie würden ihre Sprache eher singen als sprechen. Und vielleicht ist sie auch zurecht die Sprache der Musik. Ich mag den Klang jedenfalls sehr.

Das deutsche Pendant zu diesem Schmusereim ist der Mondspruch: Punkt, Punkt, Komma, Strich,
fertig ist das Mondgesicht.
Kugelrund, kugelrund,
Augen, Nase, Stirn und Mund.

Hier noch ein Link zu einer Aufnahme für die schweizerische Elternbildung:
https://www.youtube.com/watch?v=pIoB9i_-nQ0

Ein Gedichtchen aus Frankreich

petit escargot - Fingerspiel aus Frankreich
Fingerspiel aus Frankreich (comptine)

Im Französischen, wie im Italienischen heißt Fingerspiel oder Kinderreim übersetzt Gedichtchen bzw. kleines Gedicht. Es steht also nicht der Zweck im Vordergrund, sondern die Form. Das kann man an der beliebten comptine “Petit escargot” sehr schön erkennen, denn sie ist in dem nicht ganz so alltäglichen Reimschema aabccb verfasst. Ich finde auch den Rhythmus schön. Während der Text in der Liedversion einfach im Viervierteltakt gesungen wird, i der ursprüngliche Sprachrhythmus Auftakt-6/8-6/8-7/8-6/8-6/8-7/8, also komplex und mit einer schwingenden Dreiersymetrie.

Die Übersetzung legt auch das Wickeltischspiel nahe:

Kleine Schnecke trägt ihr Häuschen auf dem Rücken.
Auch wenn es regnet ist sie ganz froh, sie streckt den Kopf heraus.

Mit dem Zeigefinger als Schnecke streicht man über den Körper des Kindes, die Fingerspitzen “tröpfeln” über es hinweg und zum Schluss streicht man über das Köpfchen.

Mit größeren Kindern kann man auch die Bewegungen gemeinsam machen. Wie das geht seht ihr hier:
https://www.youtube.com/watch?v=T7i-SoTE5Qk

Nicht “Humpty Dumpty” sondern “Isty Bitsy”

Fast genauso verbreitet im englischen Sprachraum wie das sprechende Ei auf der Mauer ist die kleine Spinne, welche wieder und wieder die Regenrinne hinauf klettert.

nursery rhyme

Eine niedliche Vorstellung und eine schöne Anregung für eine kleine Babymassage für zwischendurch:

Mit den Fingern den Körper des Kindes hinauf krabbeln. Mit dem Regen abwärts streichen und wieder von vorn.

Die englische Bezeichnung nursery rhyme erzählt etwas über die Geschichte der Kinderreime. Wortspiele und Quatschreime sind sicher so alt wie Sprache selbst. Gerade Kinder haben dafür ein besonderes Interesse, zu recht, den dadurch kann man sich die Merkmale einer Sprache auf eine sehr unterhaltsame Weise aneignen. Seit dem 18. Jahrhundert wurden diese Reime erstmals von Erwachsenen gesammelt und aufgeschrieben. In Buchform gebracht waren sie für die Kindermädchen (nurses) bestimmt, um sich während der Betreuung mit den Kindern die Zeit zu vertreiben. Das ist etwa die selbe Zeit in der die bis dahin ebenfalls nur mündlich überlieferten Deutschen Hausmärchen gesammelt und aufgeschrieben wurden. Wenn man sich näher mit dem Thema beschäftigt wird es richtig spannend, die überlieferten Reime haben oft eine tiefere Bedeutung, die auf historische Ereignisse hinweisen und doppeldeutige Symbolik benutzen. Ich verweise hier mal auf eine englische Seite, auf der ein bisschen was gesammelt ist: http://www.rhymes.org.uk.

Parmak tekerleme – Ein Fingerreim aus der Türkei

Im Türkischen spielt der Klang der Worte eine große Rolle. Damit das gesprochene Wort angenehm klingt werden die Vokale aneinander angepasst, man spricht von Vokalharmonie. Daraus entwickelt sich eine andere Art des Reimens als im Deutschen. Es geht um eine bewusste Steigerung des Gleichklang und es entstehen lange verspielte Reimketten, deren Inhalt gerade bei den Kinderreimen eher zweitrangig ist. Des Weiteren spielt das Metrum keine große Rolle, weil die Betonung der einzelnen Wörter nicht festgelegt ist. Dieser für mitteleuropäische Ohren vielleicht als “schwebend” zu bezeichnende Charakter findet auch in der traditionellen Musik ihren Ausdruck, die melodisch und rhythmisch sehr viel differenzierter ist, weil sie auf ein harmonisches oder metrisches Gerüst verzichtet.

Dies ist ein Abzählreim für die Finger. Das deutsche Pendant ist sicher das bekannte “Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen, der sammelt sie auf, der bringt sie nach Haus´und der isst sie alle auf.”

Bir kus kondu - Fingerspiel aus der Türkei
tekerleme

Die Übersetzung lautet:
Ein Vogel setzte sich auf meine Hand.
Der Daumen hielt ihn,
der Zeigefinger köpfte ihn,
der Mittelfinger kochte ihn,
der Ringfinger aß ihn auf und der kleine jammerte:
“Und ich? Und ich?”
(aus “Türkische Kinderreime” dtv 2013)

Kennt ihr noch mehr Fingerspiele an anderen Sprachen? Und zu welchen Gelegenheiten spielt ihr sie? Ich freue mich über eure Erfahrungen!

Jasmin

Hier schreibt Querida, ich bin Musikerin, Lehrerin und Mama von drei Kindern. In diesem Blog geht es um Musik und Lernen im Alltag mit Kindern. Denn ich bin überzeugt: Menschen brauchen Musik!

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