Begreifen und Verstehen

Begreifen und Verstehen – Wie die Entwicklung der Feinmotorik mit dem Lernen zusammenhängt

Lesen, Schreiben, Rechnen
– alles beginnt mit den Händen

Bewegung ist der Herzschlag des Lernens.

Sally Goddard Blythe

In ihrem Buch “Greifen und BeGreifen” schreibt Sally Goddard Blythe gleich zu Beginn wir Bewegungs- und Intelligenzentwicklung zusammenhängen:
Lernen, Sprechen und Verhalten entwickeln sich gemeinsam mit unserem Bewegungssystem und bedingen einander. Die Kontrolle unserer Bewegungen und die Koordination unserer Wahrnehmung sind Teil eines schematisch ablaufenden Reifungsprozesses. Ausgehend von den uns angeborenen Reflexen lernen wir Bewegungen auszuführen, zu präzisieren und mit unserer Sinneswahrnehmung zu koordinieren. So hängt Sprechen vom motorischen System des Mundraums ab, Lesen erfordert präzise okulomotorische Bewegungen und Schreiben schließlich eine gute Auge-Handkoordination mit Unterstützung des Haltungssystems.

Für die Entwicklung mathematischer Fähigkeiten ist außerdem eine gute Beweglichkeit der Finger bedeutsam. Das konnte in einer 2018 veröffentlichten Studie von Fischer/Stöger/Rösch nachgewiesen werden. Basale Zählprinzipien, wie auch einfache Rechnungen werden (fast immer) mit Hilfe der Finger entwickelt. Es liegt nahe, dass dafür eine gute Beweglichkeit und Differenzierungsfähigkeit der Finger notwendig ist.

 Es gibt einen klaren direkten Zusammenhang zwischen einer guten Handschrift und guten schulischen Leistung. Zum Einen zählt natürlich die Lesbarkeit der Schülertexte, zum Anderen kann man daraus auch auf anderen Fähigkeiten schließen, die mit einer guten Handschrift einhergehen, wie das Strukturieren dessen, was man ausdrücken möchte, differenziertes Wahrnehmen und Selbstkontrolle. Die berühmte “Arztschrift” muss oft als Ausrede für ein schlechtes Schriftbild herhalten, die entsteht aber durch Zeitdruck, Ablenkung oder Unlust und hat nichts mit tatsächlich mangelnden Fähigkeiten zutun.

Wegen Handys zu ungeschickt 
für das Skalpell
 Ein Beitrag vom 8.10.2018 
auf DeutschlandfunkNova

Entwicklungsschritte

Der pädagogische Schwerpunkt bezüglich der Ausbildung der Feinmotorik liegt bereits vor der Schule. Er beginnt in der frühkindlichen Bildung, denn das Kind erkundet mit den Hände sich selbst und seine Umwelt. Dann übt es im Kindergarten und zu Hause immer variantenreiche Tätigkeiten bis es (spätestens) in der Vorschule gezielt mit der Stifthaltung und dem Umgang mit Werkzeugen in ausgiebige Übung kommt.

Entwicklung der Hand- und 
Fingergeschicklichkeit 
in den ersten 6 Lebensjahren
 Link zur Schaugrafik auf 
www.kindergesundheitsinfo.de

 Allerdings ist der Prozess mit Schuleintritt längst nicht abgeschlossen. Die weitere Ausbildung der Fingerfertigkeit kommt erst mit Schuleintritt richtig in Fahrt .Sie führt neben dem Schreiben zu weiterer Fertigkeiten für Malen, Zeichnen, Kunsthandwerk und Instrumentalspiel. Der Zusammenhang zwischen Handfertigkeit und Abstraktionsvermögen hinreichend erforscht.

Mit etwa 10 Jahren sind Kinder in der Lage genauso geschickt, zielgerichtet und selbständig zu handtieren wie ein Erwachsener. Die Grafomotorik ist eigentlich nur ein Teilgebiet der Feinmotorik, rückt aber mit Schuleintritt so in den Vordergrund, dass das Schreiben zur zentralen Handtätigkeit wird. Im Folgenden ist die erwartbare feinmotorische Entwicklung im Grundschulalter aufgelistet:

ungefähres AlterHandgeschicklichkeitGrafomotorik
5,5-6Schnürsenkel binden,Kordel drehen, Fingerhäkeln, Wollknäuel aufwickeln, Formen ausschneiden, Quadrate und Kreise ausreißenPersonen, Tiere und Gebäude malen (teilweise seitlich beginnend, teilweise dreidimensional),einfache fortlaufende Muster, Grundmuster der Schreibschrift,eigener Name auswendig und richtig geschrieben
6-6,5sicheres Essen mit Messer und Gabel,Brot mit weichem Aufstrich selbst schmieren, Frottagetechnikkleine Formen deckend ausmalen, unterschiedliche graphische Muster, Druckbuchstaben und Zahlen
6,5-7sicheres Nutzen von Radiergummi, Anspitzer und Lineal, Schlangenlinien und Spiralen exakt ausschneiden oder ausreißen, Nutzung von einfachen Handwerkzeugen wie Stricklisel, Hammer, Schraubenzieher, SägeZeichnen von fortlaufenden Mustern in alle Richtungen, Verbinden von Druckbuchstaben, Ausdauer im Malen und Schreiben
7-8Durchführen von komplexen und schnellen Fingerspielen, Spielen einfacher Musikstücke auf einem Instrument, Geschicklichkeitsspiele wie Mikado oder Packesel erfolgreich durchführbar, geübter Umgang mit Werkzeugen, z.B. selbständiges Aussägen, Schneiden von Stoffen, Faltarbeiten, Handarbeitenalle Buchstaben, kurze Texte können geschrieben werden, verbundene Schrift
8-9Sportspiele mit Schwungbändern, Bällen und Schlägern, Jonglieren, Fadenspiele und schnellere Musikstücke,alle Grundtechniken für kleinere Werkarbeiten, Stricken, Nähenvollständig automatisierte Schrift, längeres Schreiben von Diktaten und Aufsätzen ohne größere Anstrengung
9-10alle koordinierten Hand- und Fingerbewegungen, die auch bei Erwachsenen zu beobachten sind, möglich, automatisiert und variierbar, 
mit Anleitung relativ selbständig bei allen Verrichtungen des täglichen Lebens
Ausbildung eines individuellen Schriftbilds, 
zusammengetragen aus Pauli/Kisch “Geschickte Hände” Dortmund 2016, vgl. S. 36-41

Zusammenhänge und Übungsmöglichkeiten

Grob- und Feinmotorik sind ganz wichtig für das emotionale Erleben. Und ganz wichtig für das Lernen. Das sollten wir nutzen. 

Manfred Spitzer

In der Grundschulzeit differenziert sich das bewegungsorientierte Lernen hin zum abstrakten Lernen aus. Uns als Lehrerinnen muss bewusst sein, dass für unsere Schüler das handlungsorientierte Lernen und Hantieren mit haptischen Gegenständen der Ausgangspunkt für ihr Begreifen darstellt. Eine differenzierte Ausbildung der Feinmotorik muss also absolut in unserem Aufmerksamkeitsbereich liegen.

Die Feinmotorik ist eingebetet in unser Bewegungssystem und deren Steuerung durch das Gehirn. Wir befinden uns in einem Bedingungsfeld, deren Teilbereiche im schulischen Lernen nicht unabhängig von einander betrachtet werden können. Körperwahrnehmung und Gleichgewicht, Feinmotorik, Grafomotorik und Intelligenz beeinflussen sich gegenseitig und bilden sich aneinander aus.

Übungen und Unterrichtseinheiten zur Feinmotorik gibt es sehr reichlich. Diese Bücher nutze ich gern:

Hindernisse

Das Kind kann seinem inneren Bauplan nur folgen, wenn es in einer Umgebung aufwächst, die seinen Bedürfnissen gerecht wird

Maria Montessori

Warum ein Kind bestimmte Entwicklungsschritte nicht vollzieht hängt also zunächst davon ab, ob es entsprechende Übungsmöglichkeiten erhält und ansprechende Vorbilder hat. Klar so weit, denn was wir nicht brauchen, lernen wir nicht: “Use it or lose it.”. Es gibt natürlich Besonderheiten in körperlichen und geistigen Voraussetzungen die klar in den sonderpädagogischen Bereich fallen und in ihrer Bandbreite und Ausprägung eine fachlich qualifizierte und spezialisierte Begleitung verdienen. Daneben treten aber auch häufig Blockaden und Fehlentwicklungen auf, die vermieden bzw. auch relativ einfach korrigiert werden können. auf drei Aspekte möchte ich hier kurz eingehen, weil ich denke, dass Lehrer über diese Hintergründe Bescheid wissen sollten:

Auswirkung von Restreflexen

Grundlage unserer Bewegungen ist die Entwicklung in den ersten beiden Lebensjahren. Diese wird maßgeblich durch die sukzessive Integration angeborener Reflexe vorangetrieben. Bleiben solche frühkindlichen Reflexe erhalten, so beeinträchtigt das die Bewegungsmöglichkeiten und das Verhalten der Kinder. 

Ein Beispiel ist z.B. der Palmar-Reflex (Schließen der Finger bei leichtem Druck auf die Handinnenflächen, Hemmung 2.-3. Lebensmonat): Bleibt dieser teilweise erhalten, ist Kindern die unabhängige Bewegung von Daumen und Zeigefinger nicht möglich und es kommt zu einer verkrampften Stifthaltung. 

Der Symmetrische Tonische Nackenreflex ist für Beugung und Streckung unter der Geburt verantwortlich und wird im 8.-11. Lebensmonat durch den Beginn des Krabbeln gehemmt. Hier lernt das Kind (ausgiebig) mit den Augen die Mittellinie zu kreuzen und die Augen mit den Handbewegungen zu koordinieren. Überspringt verkürzt es diese Phase beeinträchtigt das u.A. die Seh- und Lesefähigkeit, das Schreiben und Zeichnen sowie eine symmetrische Körperhaltung

Umschulung der Händigkeit

In unserer Kultur dominiert die Bevorzugung der rechten Hand beim Erlernen von Kulturtechniken und Sportarten. Ein weiteres Entwicklungshindernis ist daher eine falsch ausgebildete Händigkeit. Zwar darf in Deutschland nicht mehr aktiv umgeschulten werden, allerdings lernen Kinder durch Nachnahmen. So kommt es, dass auch ein linkshändiges Kind mit seiner nicht dominanten Hand Malen, Schneiden und Schreiben lernt. Dafür braucht es immer mehr Konzentration, Anstrengung und Willenskraft als ein Kind, das mit seiner rechten dominanten Hand die selben Dinge tut. Eine umgeschulte Händigkeit hat immer Auswirkungen auf die Hirnstruktur und damit immer  Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Kindes bei unverminderter Intelligenz. Deshalb entwickeln viele umgeschulte Linkshänder mit der Zeit Lernschwierigkeiten und psychische Probleme durch Kompensationsmuster. Man geht heute von an einem Linkshänderanteil von 10-15% der Gesamtbevölkerung aus, einige Wissenschaftler schätzen den tatsächlichen Anteil allerdings höher ein. Gehen wir von einer durchschnittlichen Schulklasse von 25 Kindern aus, müssten dort also auch mindestens 3 Linkshänder sitzen. Sind es weniger, sitzen sie also in der Nachbarklasse oder wurden einfach nicht entdeckt.

Alles Gestörte. Überall.
 SZ-Redakteur Martin Zips über 
aggressive, umgeschulte Linkshänder, 
Linkshirnigkeit, 
Linkshänder in der Bibel 
und den "Knoten im Gehirn"

Eingeübte Fehlhaltungen

Das Angewöhnen von Fehlhaltungen und damit einhergehende Verkrampfungen und Frustration entsteht oft. Wie oben erwähnt wirken bei der motorischen Entwicklung mehrere Teilbereiche zusammen. Dass bedeutet konkret, dass eine aufrechte elastische Körperhaltung, der richtige Augenabstand, eine flexible Fingerhaltung und die Fähigkeit zur Selbstkontrolle hier zusammenwirken. Für die Schreibhaltung eignet sich die “PASS-Kontrolle” als Orientierung:

Physiologische Sitzhaltung

Augenabstand zum Blatt

Schräge Blattlage mit aufliegender Haltehand

Stifthaltung (Dreipunktgriff)

Schreibhaltung in der Grundschule

Diese drei angesprochenen Problemfelder können ergotherapeutisch gut diagnostiziert und behandelt werden. Es gibt spezielle Bewegungstherapien zur Hemmung von Restflexen, Auflösung von Fehlhaltungen oder zur Begleitung der Rückschulung der Händigkeit.

Zusammenfassung

Die Ausbildung der Handgeschicklichkeit ist maßgeblicher Bestandteil des Lernens. Sie hängt direkt zusammen mit unserer kognitiven Entwicklung und unserer Anpassung an unsere Lebensumwelt. Die Ausformung der Fingerbeweglichkeit beginnt vorgeburtlich und ist mit etwa zehn Jahren abgeschlossen. Dabei kommt es maßgeblich auf Anregungen und Anforderungen der Umwelt an. Man könnte behaupten, dass die Beweglichkeit der Finger direkt mit der Beweglichkeit des Geistes zusammenhängt.
Die Ausbildung der Fingergeschicklichkeit ist deshalb zentraler Bestandteil der Grundschulpädagogik.

Literatur

“Wie Kinder denken lernen”, M. Spitzer, Mag Verlag 2019
“Greifen und BeGreifen – Wie Lernen und Verhalten mit frühkindlichen Reflexen zusammenhängt”, S. Goddard Blythe, VAK Verlag 13. Auflage 2019
“Das linkshändige Kind in der Grundschule”, B. Sattler, Auer Verlag 17. Auflage 2018
“Geschickte Hände – Handgeschicklichkeit bei Kindern, Spielerische Förderung von 4-10 Jahren”, S. Pauli/ A. Kisch, Verlag Modernes Leben 2. Auflage 2019
“Probleme bei der Entwicklung von Handschrift – Ausmaß, Ursachen und Handlungsmöglichkeiten”Schreibmotorik-Institut Heroldsberg 2015
“Mit geschickten Händen besser rechnen: Die Relevanz der Feinmotorik für die Entwicklung mathematischer Fertigkeiten”, U. Fischer/H. Stoeger/S. Roesch, Regensburg/Tübingen 2018

Jasmin

Hier schreibt Querida, ich bin Musikerin, Lehrerin und Mama von drei Kindern. In diesem Blog geht es um Musik und Lernen im Alltag mit Kindern. Denn ich bin überzeugt: Menschen brauchen Musik!

(1) Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. […] Der Sechsjährige sitzt gerade ziemlich oft neben der Grundschultochter und langweilt sich, weil sie Schulaufgaben machen muss und nicht mit ihm spielt. Seine Vorbereitung auf die Schule kommt ja nun wegen Kitaschließungen auch ziemlich kurz. Die folgenden fünf Ideen eignen sich zum Spielen am Tisch oder zur Beschäftigung unterwegs. Ein Bild mit einem Themenhintergrund wird durch verschiedene Aktionen erweitert und vervollständigt. Die Bilder haben im Vergleich zum Tablet den enormen Vorteil, dass die Handbewegungen wesentlich komplexer und die Tiefenwahrnehmung da sind. Warum das so wichtig erläutere ich in meinem Beitrag “Begreifen und Verstehen“. […]

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.